Triviale Tropen
Materialien zum 9. Internationalen Filmhistorischen Kongreß, Hamburg, 1996
Zeitgenössische Pressestimmen

Tripolis im Zoo

Ulu, Film-Kurier, Nr. 158, 7.7.1927


Außenaufnahmen von einer Nachmittags-Expedition. Gleich hinter dem Gitter des Zoo beginnt ein bescheidenes Stück Arabien. Das Hedschin mein geübter Blick errät sofort, daß es zur Sorte der Lastkamele gehört gibt sich friedlich und ungestört der Verdauung hin. Ein an Pflöcken montiertes Beduinen-Zelt erweist sich als ziemlich zugig. Nebenan befindet sich mit dem Hinweis »Damen« und »Herren« ein Gebäude in maurischem Kurfürstendamm-Stil.

Wie gesagt, für alles ist so original wie möglich gesorgt.

Die herumspazierenden arabischen Rösser sind äußerst sanftmütigen Charakters. Kurze Gewehre sind am hohen Reitsattel befestigt.

Die Oriententzauberung beginnt, das langrohrige Tüsenk, die nie fehlende Flinte des Arabers, ist offenbar aus der Mode gekommen.

Künstliche Palmen versuchen, eine arabische Landschaft vorzutäuschen.

Araber schleichen auf Kreppgummisohlen umher; sie rauchen billige deutsche zwei Pfennig-Zigaretten, die einheimischen sind zu teuer.

Eine endlose Schau, inhaltlos und wenig original, wird durch ständiges Schießen mühsam belebt. Oft knallt's, ebenso häufig aber versagt die Platzpatrone. Bauchtänze vermögen nichts neues zu zeigen.

Derwische reproduzieren sich, viermal am Tage, in der Andeutung einer Trance, accompagniert von einer Kapelle, die mit unheimlichem Rhythmus die Gegenbewegungen syncopiert. Hier allein entsteht für Augenblicke der Eindruck des Orientalischen.

Die Küchen des Lagers, rechts mohammedanisch, links jüdisch, sind zwar religionsgemäß getrennt. Beiden gemeinsam aber ist der dem Asiaten wohlgefällige Duft des Hammelfetts.

Schattenspiele können zum Besuch nicht ermuntern. Entweder sind sie original, dann sind sie hahnebüchen unanständig, oder sie sind europäisch erträglich, dann sind sie nicht original.

Betrieb ist allein im Kaffeehaus. Da sind die braunen Importlinge ihre besten Gäste. Da hocken sie nebeneinander, im süßen Nichtstun, rauchen und nehmen ab und zu einen Schluck des ausgezeichneten schwarzen Kaffees.

Die Mehrzahl der Bazare sind geschlossen; es ist Sabbat, und die Juden der Schau sind religiös.

Mühsam entspinnt sich ein Gespräch mit dem arabischen Cafetier. Im gebrochenen Italienisch fragt er: »Sind Sie Jude?« und auf die bejahende Antwort meint er »Fromm können Sie aber nicht sein. Die Juden von Tripolis rauchen am Sabbat nicht.«

Tripolis im Zoo. Nicht viel, aber immerhin: Besser als gar kein Kaffee.


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