CineGraph - Lexikon zum deutschsprachigen Film.

Jules Greenbaum
- Produzent

Biografie

Julius Grünbaum, geboren am 15. Januar 1867 in Berlin. Er absolviert eine Lehre in einem Textilgeschäft am Molkenmarkt, heiratet um 1887 Emma Karstein und wandert mit ihr nach Amerika aus. Das Ehepaar läßt sich in Chicago nieder, wo am 11.1.1889 der erste Sohn George geboren wird. Über Grünbaums Tätigkeiten in Amerika ist nichts genaues bekannt. Vermutlich lernt er hier die ersten Anfänge der Kinematografie kennen, knüpft dabei Kontakte, die ihm später beim Aufbau eines Filmimports nach Deutschland nützlich sind, und beschäftigt sich möglicherweise bereits auch mit der Herstellung oder dem Vertrieb von kinematografischen Apparaten. Der Familie geht es offenbar finanziell so gut, daß sie sich um 1895 entschließt, nach Deutschland zurückzugehen. In Berlin wird am 3.2.1896 der zweite Sohn Max geboren.

Beide Söhne lernen in der Filmbranche. Max (später Mutz, in England schließlich Max Greene) debütiert 1916 als Kameramann bei der Greenbaum-Film mit DER FAKIR IM FRACK unter der Regie von Max Mack. 1919 versucht er sich als Regisseur mit zwei Harry Higgs-Detektivfilmen. Er kehrt zur Kamera zurück, arbeitet bis 1920 ausschließlich für die väterliche Firma. George arbeitet in den USA für Laemmle und Pathé, hat sein deutsches Kameradebüt bei der Trautmann-Film, Berlin.

Grünbaum nennt sich auch in Deutschland offiziell Jules Greenbaum und etabliert sich mit der - internationales Flair andeutenden - Variante seines Geburtsnamens im gerade entstehenden Filmgeschäft. Dabei sind ihm seine Verbindungen nach Amerika nützlich. Er eröffnet 1897 ein Geschäft unter seinem Namen und verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Vertrieb ausländischer Filme und Kinematografenapparate. Im Kopf der Geschäftsbriefe kreuzen sich die deutsche und die amerikanische Flagge.

1899 gründet Greenbaum die Firma Deutsche Bioscope, um die Eigenproduktion von Filmen aufzunehmen. Er fährt nach Amsterdam, um einen Aufnahmeapparat zu erwerben. Hier macht er Bekanntschaft mit Georg Furkel, den er als Kameramann engagiert, und der bis 1912 als technischer Leiter für Greenbaum arbeitet. Der zweite Kameramann der Firma wird Martin J. Knoops, der 1900 ebenfalls aus Amsterdam kommt. Greenbaum engagiert ihn als Operateur und läßt ihn mit Filmprogrammen verschiedene Varietés bereisen. Knoops hat auch die Aufgabe, auf seinen Reisen Lichtspieltheater einzurichten.

Die Aktualität FRÜHJAHRSPARADE (60 Meter) mit Kaiser Wilhelm II. ist 1899 der erste verbürgte Film der Deutschen Bioscope. Nachweislich produziert Greenbaum 1901 zehn, 1902 acht Aktualitäten, sein Spielfilmangebot importiert er vermutlich aus den USA, Frankreich und Großbritannien. Er engagiert sich auch im Apparatebau: 1902 bringt die Bioscope erfolgreich den ersten Vitascope-Nocken-Apparat in Deutschland auf den Markt. Die Unternehmung erweist sich schon bald als erweiterungsfähig; Greenbaum gründet am 18.6.1902 mit einem Stammkapital von 20.000 Mark die Deutsche Bioskope GmbH, Berlin, deren Geschäftsführer er wird (Eintrag im Handelsregister am 23.6.).

Im ersten Jahrzehnt ist Greenbaum neben Oskar Messter der wohl wichtigste Produzent in Deutschland. "Dieser unscheinbare Mann mit dem nasalen Ton und den zappelnden Bewegungen war tatsächlich einer der Erbauer des Fundaments, auf dem sich heute die deutsche Filmindustrie erhebt." (Lichtbild-Bühne, 6.11.1924). Wie der betont patriotische Messter agiert der Geschäftsmann mit dem internationalen Image im Apparatebau, der Film-Produktion, im Vertrieb und in der Varietébespielung. Seine Geschäftsadresse ist Friedrichstraße 131d. Er liefert Apparate, eigene und ausländische Fabrikate (z.B. der American Biograph) und gebrauchte Filme. Die Herstellung von Film-Kopien innerhalb von 8 Stunden wird garantiert. Im Rahmen der Bespielung von Varieté-Schlußnummern reisen seine Vorführer nach Wien, München, Leipzig, Halle, Nürnberg, Kiel, Hamburg, Posen, Lemberg und Riga.

Bereits 1904 verzeichnet das Greenbaumsche Briefpapier: "Lieferant des Deutschen Flotten-Vereins", das Kaiserliche Reichs-Marine-Amt erteilt die "Erlaubnis zur Anfertigung kinematographischer Aufnahmen". Die Operateure der Bioscope drehen Stapelläufe und Flottenparaden in Wilhelmshaven und Danzig. Am 23.2.1905 veranlaßt der Kaiser im Marstall "für erste Kreise" eine Vorführung von Lichtbildern aus dem Leben der Flotte, bei der vornehmlich Aufnahmen der Deutschen Bioscope gezeigt werden . 1906 schließt Greenbaum mit der Präsidial-Geschäftsstelle einen Kontrakt über Ausführung kinematografischer Vorführungen für den Deutschen Flotten-Verein ab. Greenbaum unterhält dafür eine eigene Abteilung mit dem Geschäftsführer Hauptmann a. D. Steffens. Ein Briefkopf informiert darüber, daß sich an Bord S.M.Y. "Hohenzollern" ständig "das System Kinematograph und Aufnahme-Camera sowie der Spezial-Photograph" befinden: "So war es ihm auch möglich, auf dem Schiff ,Hohenzollern' die Nordland- und Mittelmeerreise Kaiser Wilhelms mitzumachen und an Bord den Kaiser wiederholt aufzunehmen." (Lichtbild-Bühne, 6.11.1924). Im August 1907 schließt ein Flottentagesbefehl von Heinrich Prinz von Preußen die Zulassung von Fotografen und Zeitungsberichterstattern zum Kaisermanöver der Hochseeflotte aus, läßt aber exklusiv Herrn Jürgensen zu, der für Greenbaum dreht. Im Februar 1907 geht sein Operateur Georg Furkel nach Togo, Kamerun und Deutsch-Südwest, um den Bau der Kolonialbahnen und den Aufstand der Herero und der Hottentotten zu filmen. Diese Afrika-Expedition wird von der Kolonial- und Eisenbahn-Baugesellschaft Lenz & Co. mitfinanziert.

Die Geschäfte entwickeln sich so vorteilhaft, daß Greenbaum gezwungen ist, abermals zu vergrößern. Es gelingt ihm, die auf dem Gebiet der Fotochemie aktive Dr. C. Schleussner AG in Frankfurt/Main für die Deutsche Bioscope GmbH zu interessieren, und im Februar 1908 kommt es zu einer Umgestaltung der Firma. Carl Schleussner übernimmt die Fabrikations- und Verkaufsgeschäfte, indem er sich mit 140.000 Mark zu zwei Dritteln - das letzte Drittel liegt bei Greenbaum und seinen Bruder Max Grünbaum - am Stammkapital der am 12.2.1908 gegründeten Firma beteiligt, die sich nun Deutsche Bioskop GmbH nennt. Diese wird am 27.2. beim Handelsgericht registriert, drei Tage nachdem Greenbaum die Deutsche Bioscope GmbH in die Bioscope-Theater GmbH umgewandelt hat.

Diese Firma ist nicht Greenbaum erstes Engagement als Kino-Betreiber. Bereits 1906 eröffnet er in der Friedrichstraße 10 die Vitascope-Lichtspiele und läßt im März 1907 die Vitascope-Theater Betriebs-GmbH ins Handelsregister eintragen, seine Partner sind Ludwig Rosenfeld und Otto Heinemann. Das Kino wird ein Erfolg, seine Werbe-Gags erregen Aufsehen und leben noch Jahrzehnte in Anekdoten weiter.

Im Oktober 1908 eröffnet er mit dem Vitascope-Theater Rollkrug (Herrmannplatz, Berliner Straße 1-2) ein komfortables Renommier-Kino mit 500 Plätzen, bequemen Polstersitzen, Logen, Galerie in luxuriöser Ausstattung. Projiziert wird mit dem Apparat aus eigener Produktion. Die musikalische Begleitung obliegt einer Künstlerkapelle. Der Eintrittspreis liegt bei 3 Mark und ist somit im Vergleich relativ hoch. Das Haus erfüllt seinen Ruf als "vornehmstes Institut dieser Art", im Januar 1909 wird es von den Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzessin Heinrich besucht. Unter anderen Filmen wird im August 1909 auch eine "Monopolaufnahme" der Deutschen Bioskop vorgeführt: GRAF ZEPPELINS FLUG UND LANDUNG IN FRANKFURT AM 1. AUG. 1909.

Die Gesamtprokura der Bioscope-Theater GmbH erhalten Erich Zeiske und Max Grünbaum, Jules' Bruder, der in der Filmbranche als "Onkel Max" bekannt ist. Grünbaum ist ein börsenerfahrener Banker, dem die Filmleute Geiz nachsagen, der jedoch immer wieder die finanziellen Grundlagen für den Fortgang der Geschäfte schafft. Diese Gesellschaft betreibt ausschließlich das Theater- und Verleihgeschäft, das ausgezeichnet floriert.

Doch Greenbaum gerät in die Gefahr, Kapital und Kräfte zu zersplittern. Er versucht, sie zu bündeln und größere geschäftliche Effektivität zu erzielen. "Bei dem bisherigen Umfange des Geschäftes genügte die Produktion vollständig, um die Kundschaft in Deutschland, Österreich, Russland, Italien und die skandinavischen Reiche zu versorgen." (Exposé über die Bereitstellung größerer Barmittel im Interesse einer durchgreifenden Geschäftserweiterung, Berlin den 20.8.1908. In: Akten-Konvolut zur Deutschen Bioskop im Archiv des Deutschen Institut für Filmkunde, Frankfurt, dort auch die folgenden Zitate). Ein Ausbau der Auslandsgeschäfte ist geplant. Am 26.5.1908 fährt Greenbaum im Auftrag der Firma nach Nordamerika. Er schließt Verträge mit der Laemmle Film Service Company in Chicago für den Alleinvertrieb der Fabrikate in den U.S.A., mit Mr. Seavolt für Canada und der Charles Urban Trading Company in London. Diese Ausweitung der Geschäfte macht eine Verstärkung des kaufmännischen und besonders des technischen Personals notwendig. "Die jetzt vorhandene Werkstatt würde mit nur wenig verstärktem Personal zur Fabrikation der durch die Verträge fest zu liefernden Maschinen, speziell Synchroscopen, ausreichen, dagegen müßte unbedingt ein eigenes Aufnahme-Atelier in Amerika eingerichtet werden. Die Kosten für die Einrichtung dieses Ateliers ist die Laemmle Film Service Company bereit zu übernehmen."

Wegen des allgemeinen Erfolgs von Tonbildern wird außerdem in Berlin die Einrichtung einer eigenen Abteilung für Plattenaufnahmen in Aussicht genommen, um sich von fremden Firmen unabhängig zu machen. Die Schaffung eines Dekorations- und Kostüm-Fundus für das Aufnahme-Atelier stellt sich als unumgänglich heraus. Weiterhin ist geplant, "die eminent wichtige Fabrikation der sogen. stillen Films im bescheidenen Umfang aufzunehmen und eine regelmäßige Produktion zu ermöglichen." Auf diesem Gebiet der stummen Spielfilme hat die Firma in der Vergangenheit infolge mangelnder Erfahrung erhebliche finanzielle Verluste erlitten.

In der Gesellschafterversammlung der Bioscop vom Dezember 1908 werden seitens der Vertreter der Dr. C. Schleussner AG "die Höhe der Unkosten bemängelt und mit allseitiger Zustimmung die dringende Notwendigkeit betont, im nächsten Geschäftsjahr auf eine möglichst durchgehende Verminderung der Generalunkosten hinzuarbeiten." Um Greenbaums Expansionspläne nicht weiter einzuschränken, kommt es 1909 zur Trennung. Die Schleussner AG übernimmt Greenbaums Anteil und befreit ihn aus seiner Konkurrenzklausel, damit er unabhängig weiterarbeiten kann.

Am 8.9.1909 wird die Vitascope-Theater Betriebs-GmbH im Handelsregister geändert in Deutsche Vitascope GmbH, Greenbaum ist Besitzer und Geschäftsführer. Vorgesehen ist vor allem die Produktion von Tonbildern. Dafür wird von der Vitascope ein neuer Synchronapparat entwickelt und hergestellt. Greenbaum plant die Produktion eines neuen "Dauerfilms", der fortlaufende Handlungen ohne Unterbrechungen zeigen wird und es ermöglicht, ganze Opern aktweise aufzuführen. (Ein übergangsloses Projizieren von einem Akt zum anderen war technisch noch nicht entwickelt).

Der Sitz der Deutschen Vitascope GmbH befindet sich in der Friedrichstr. 20, Telegrammadresse "Phonofilm Bln.". Bereits im September 1909 werden im Branchenblatt Kinematograph angeboten: Vitascope Modell 1910, der flimmerfreie Kinematograph, Vitaphone, Tonbilder, Aktuelle Aufnahmen, Synchron-Apparate, Sechsfach verstellbare Bogenlampen. Daneben offeriert die Firma "einige gebrauchte Original-Vitascope" sowie "100.000 Meter gebrauchte Filme, sämtliche Fabrikate von 20 bis 40 Pfg". Diese Angebote scheinen aus der aufgegebenen Varieté-Bespielung zu stammen. Außerdem steht Greenbaum mit französischen Partnern in Verbindung, reist zu Geschäften nach Paris.

Im Oktober kommen die ersten Tonbilder der neuen Firma auf den Markt, sie sind etwas länger als 60 m und zeigen Opernarien und Tanzstücke. Als Tonbild-Regisseur ist Franz Porten engagiert, auch dessen Tochter Henny ist unter den Darstellern zu finden, die sonst vornehmlich aus dem Theater des Westens rekrutiert werden. Die Flugwoche in Johannisthal wird auf 120 m dokumentiert. Aufnahmen mit "Original-Niggern", Akrobaten und Damenringkampf ergänzen das Angebot. Zum Jahreswechsel gibt es ein allegorisches Tonbild.

Für MIGNON 1. AKT agieren Mitglieder der Königlichen Hofoper, der Hofopern-Chor und das Kgl. Ballett. Im Atelier in der Markgrafenstr. 94 wird 1910 der erste Vitascope-Spielfilm gedreht: ARSENE LUPIN CONTRA SHERLOCK HOLMES entsteht unter der Regie von Viggo Larsen, der 1909 von der dänischen Nordisk gekommen ist. Er dreht Detektiv-, Sensations-, Abenteuerfilme und Western. Larsen bleibt für zwei Jahre einer von Greenbaums Regisseuren, ist häufig auch Hauptdarsteller, bis er mit dem weiblichen Vitascope-Star Wanda Treumann eine eigene Firma gründet. Auch Walter Schmidthässler arbeitet als Regisseur und Hauptdarsteller für die Vitascope.

Die Firma verlagert 1911 ihre Aufnahmeräume in die Große Frankfurter Str. 105. Im September des nächsten Jahres wird das neue Dachatelier in der Lindenstraße 32-34 eingeweiht, dem auch eine Kopieranstalt angeschlossen ist.

1911 hat Greenbaum Max Mack als Drehbuchautor unter Vertrag genommen, der bald auch als Darsteller und vor allem als Regisseur (GEHIRNREFLEXE) debütiert. Der Firma gelingt es außerdem, den renommierten Theaterschauspieler Albert Bassermann für den Film zu gewinnen. Gemeinsam mit Bassermann dreht Mack vier Filme für die Vitascope. Vor allem der DER ANDERE, eine Jekyll & Hyde-Bearbeitung des beliebten Bühnenautors Paul Lindau, gilt heute als der "erste deutsche Autorenfilm", der Zeitpunkt, an dem das neue Medium salonfähig wird. Greenbaum "war durchaus nur Geschäftsmann, nur Kaufmann, aber mit einem Blick für das, was notwendig war, um Geld zu verdienen. In einer Zeit, als es schwer war, Geld für einen Film anzulegen, hat er mit Max Mack DER ANDERE, WO IST COLETTI usw. geschaffen. Der große deutsche Autorenfilm, wie es damals hieß, war ins Leben getreten. Der Film war ein gesellschaftliches Ereignis geworden. Und als DIE BLAUE MAUS plötzlich Repertoirestück im Marmorhaus wurde, erlebte man zum erstenmal, daß ein Film genau so Serienerfolge haben kann, wie ein gutgehendes Bühnenstück. (...) Nur wer ihn persönlich in der Arbeit kannte, wußte von seiner Mitarbeit am Film. Er ließ seine Regisseure durchaus nicht machen, was sie wollten, und manchmal spürte man, welch ein entschlossener Wille in ihm lebendig war." (Lichtbild-Bühne, 6.11.1924).

Die Vitascope zählt vor dem Ersten Weltkrieg zu den größten deutschen Filmgesellschaften. Im Zuge der Verlagerung der Ateliers aus der Innenstadt von Berlin an die Peripherie, erwirbt Greenbaum für die Vitascope ein Grundstück in Berlin-Weißensee, Franz-Joseph Straße 5-7. 1913 beginnt der Bau eines ebenerdigen Doppel-Ateliers mit Werkstätten und dem damals größten Kopierwerk Deutschlands. Schon im Dezember desselben Jahres kann Greenbaum annoncieren: "D urch diese Fabrikationsanlage sind wir in der Lage, auch den weitgehendsten Ansprüchen zu genügen bis zu einer Tagesleistung von 100.000 Meter und werden nicht mehr, so wie leider zu früheren Zeiten, durch ganz außergewöhnlich großen Verkauf eines Sujets Verlegen der anderen Ausgabedaten notwendig sein." Die Verkaufsräume bleiben in der Lindenstraße 32/34. Die gesamte Produktion wird nach Weißensee verlegt.

Doch die Kapazität der neuen Filmfabrik kann nicht ausgelastet werden. Der Markt ist nach wie vor von ausländischen Produktionen dominiert, vor allem der französische Konkurrent Pathé intensiviert um diese Zeit seine Geschäfte in Deutschland. Um die Ateliers sowie die Kopieranstalt effektiver auszulasten, muß Greenbaum finanzstarke Partner suchen. Er beginnt Verhandlungen mit Paul Davidson von der Projektions-Aktiengesellschaft "Union" (PAGU). Beide kennen sich als Mitglied er des "Verbandes zur Wahrung gemeinsamer Interessen der Kinematographie und verwandter Branchen". Es wird mitgeteilt, daß die Lage des Filmmarktes es wünschenswert erscheinen läßt, daß die beiden größten Filmproduzenten sich zusammenschließen.

Im Januar 1914 übernimmt die PAGU, die mehr als 800 Beschäftigte hat und mittlerweile die finanzstärkste Filmfirma in Deutschland ist, Greenbaums Vitascope GmbH, die sich in Anzeigen "Größte Filmfabrik Deutschlands" nennt. Davidson macht Jules Greenbaum zum Vorstandsmitglied und erteilt ihm Prokura. Max Grünbaum und Herman Fellner (Flegheimer) treten in die Leitung der fusionierten Firmen ein, die nun als Union-Vitascope zeichnen. So entsteht ein umfangreiches Unternehmen: 20 Union-Kinos, das Glashaus in Tempelhof, Büro- und Verwaltungsräume in der Zimmer- und Lindenstraße sowie das Doppelglasatelier mit Kopierwerk in Weißensee. Beide Firmen produzieren auch unter ihrem alten Namen und Firmenlogo weiter. Aber der Markt bietet offensichtlich nicht genügend Absatzmöglichkeiten, schon bald suchen die beiden Unternehmer nach Erweiterung des internationalen Vertriebs ihrer Produktionen.

1914 reisen Greenbaum und Davidson nach Amerika, um dort Studien und Geschäfte zu machen, anschließend nach Paris und schließen dort einen Vertrag mit Pathé Frères, dem größten Konkurrenten der deutschen Filmindustrie, um den Vertrieb der PAGU-Vitascope-Filme durch das international weitverzweigte Netz der französischen Firma zu ermöglichen. Das Vitascope-Atelier in Weißensee wird im Juli an Pathé verkauft. Pathé verpflichtet sich, die Kopierung der PAGU-Vitascope-Filme zu übernehmen. Die Vitascope bezieht die Verwaltungsräume in der Zimmerstraße. Die Fachpresse macht auf die Gefahr von Trustbildung aufmerksam.

Ab Januar 1914 ist Richard Oswald als Dramaturg und Reklame-Fachmann bei der Vitascope beschäftigt. Nach Kriegsbeginn arbeitet der wehruntaugliche Oswald für die Firma als Oberregisseur und Autor von höchst erfolgreichen Detektivfilmen der "Baskerville-Serie". Durch den Kriegsausbruch werden die Geschäftsverbindungen zwischen den Vertragspartnern in Berlin und Paris abgeschnitten. Die im Besitz Pathés befindlichen Verwaltungsräume und die Ateliers in Weißensee werden unter Zwangsverwaltung gestellt und gehen an Greenbaum zurück, der die günstige Geschäftslage auf dem nun von ausländischer Konkurrenz befreiten deutschen Markt für seine ehrgeizigen Pläne nutzen zu nutzen weiß. Im November 1914 beendet er die Geschäftsverbindung mit Davidsons PAGU und gründet eine neue Firma unter eigenem Namen.

Anfang 1915 startet die Produktion der Greenbaum-Film GmbH in Weißensee, Büros und Verkauf sind in der Friedrichstraße 235. Der Gesellschaftsvertrag wird am 12.1.1915 geschlossen und beim Handelsgericht eingetragen, das Stammkapital beträgt 10.000 Mark. Schon im März 1915 heißt es selbstbewußt: "Dr. Hans Oberländer, Richard Löwenbein, Richard Oswald, Greenbaum-Film GmbH - Die größte Filmfabrik Deutschlands." (Lichtbild-Bühne, 6.3.1915). Um Oswalds Wechsel von der PAGU-Vitascope zur Greenbaum-Film entbrennt ein Anzeigenkrieg. Die Greenbaum hat mit Oswald auch die alten Serien-Schauspieler übernommen und dreht nun einen eigenen 3. Teil der bei der PAGU-Vitascope begonnenen Baskerville-Serie. Der Film wird von der Militärzensur für die Zeit des Krieges verboten, läuft aber mit Erfolg im neutralen Ausland. Nach wenigen Monaten und fünf Filmen trennt sich Oswald aus finanziellen Gründen von der Greenbaum-Film und macht sich als Produzent und Regisseur selbständig.

Die Greenbaum-Film gehört zu den Firmen, die sich im ersten Kriegsjahr bereit erklären, in größerem Umfang kurze Filme zu drehen. Durch die kriegsbedingte Unterbrechung der Handelsbeziehungen, vor allem zu den französischen Produzenten, war es den deutschen Kinobesitzern schwer geworden, ihre Programme zu realisieren. So entstehen in dieser Zeit auch bei der Greenbaum-Film kurze Spielfilme, obwohl die Ära der abendfüllenden Filme längst begonnen hat. Anfang 1917 nennt die Filmstatistik der Lichtbild-Bühne (6.1.1917) die Greenbaum-Film mit 18 Filmen an 6. Stelle in der deutschen Filmproduktion.

1916 schließt Greenbaum mit dem Schauspieler Albert Bassermann erneut einen Vertrag. Bis 1920 spielt er in 17 Greenbaum-Filmen und trägt durch sein Ansehen sehr zum finanziellen Erfolg der Produktionen bei. Der Stuart Webbs-Regisseur Adolf Gärtner wechselt ebenfalls zu Greenbaum und inszeniert neun Filme in Weißensee. Unter seiner Regie, dann unter Carl Boese, entsteht die Phantomas-Serie mit Erich Kaiser-Titz in der Hauptrolle, die ab 1918 von Rolf Loer übernommen wird. Greenbaum, der ständig auf der Suche nach Talenten ist, geschäftigt im letzten Kriegsjahr 1917/18 den Werbegrafiker und Künstler John Heartfield als Filmausstatter im Atelier Weißensee.

1918 ist das Büro der Filmfabrik in der Friedrichstraße 209 zu finden. Jules Greenbaum ist Direktor, die kaufmännische Leitung obliegt Julius Lachmann. In einer Großreklame der Ufa, die für ihre Firmen wirbt, wird 1919 auch die Greenbaum-Film GmbH genannt. Es gibt Hinweise, nach denen die Ufa Anteile der Gesellschaft aufgekauft hat, die Greenbaum bald darauf wieder zurückkauft. Gemeinschafts- und Auftragsproduktionen für die Ufa folgen.

1919 mietet Joe May das Doppelatelier in Weißensee für 600.000 Mark von Greenbaum, der für die Räumlichkeiten einen Miet-Vertrag vom 1.4.1917-1.4.1924 hat, für den er selbst 20.000 zahlt und 30 Tage zur Eigennutzung beansprucht. Das Atelier und die Kopieranstalt gehen später in den Besitz der May-Film, schließlich der Ufa über. Produktion und Geschäftabschlüsse der Greenbaum-Film GmbH reduzieren sich zusehens. Im Jahre 1922 beginnt ein Rechtsstreit zwisch en der Ufa-Auslandsabteilung und der Greenbaum-Film GmbH. Es geht um Konto-Korrent-Verbindlichkeiten aus dem Jahre 1918/19, als Greenbaum einen Monopolvertrag mit der Ufa für die Ukraine, Bulgarien, Rumänien und Türkei hat. Auf Grund der politischen Ereignisse gibt es für Greenbaum Absatzschwierigkeiten in den Balkanländern. Der Firma entsteht ein Schaden in Millionenhöhe. Aus den Gerichtsakten geht hervor, daß die Ufa ungeachtet der politischen Situation auf die Einhalt ung der Verbindlichkeiten beharrt. Nach mehreren Vergleichsversuchen zieht sich der Streit durch die Instanzen. Die Interessen der Klägerin Ufa werden vor allem von ihrem Angestellten Herman Fellner, Greenbaums ehemaligem Geschäftspartner, vertreten. Im September 1924 schickt Greenbaum eine rückseitig beschriebene Visitenkarte an die Ufa: "Werthe Direktion, Joe May und Herman Fellner haben sich meine Fabrik unentgeltlich zugeeignet, würden Sie die Herren daran erinnern? Julius Greenbaum ." Nach einem Schriftwechsel mit Max Grünbaum läßt die Ufa-Leitung das Verfahren einstellen, da ihr ohnehin nur Kosten entstehen - die beklagte Firma ist nicht zahlungsfähig.

Die Greenbaum-Film GmbH besteht ab 1922 nur noch dem Namen nach und tätigt keine Geschäfte von Belang. Auch der Bruder Max Grünbaum hat seine Tätigkeit im Filmgeschäft aufgegeben.

Julius Greenbaum befindet sich zu dieser Zeit schon in einer Heilanstalt, ist schwer erkrankt und nicht mehr in der Lage, die Firma zu leiten. Am 1. November 1924 stirbt Jules Greenbaum nach kurzer, schwerer Krankheit. Er wird auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee bestattet, "die Industrie war nur sehr schwach vertreten" (Lichtbild-Bühne, 6.11.1924).

Die Greenbaum-Film GmbH wird nach Jules' Tod zunächst von den Söhnen fortgeführt, dann von Hermann Millakowsky. 1932 wird die Firma liquidiert.

Evelyn Hampicke

 


Literatur

  • Max Olitzki: Bei Jules Greenbaum. In: Der Kinematograph, Nr. 142, 15.9.1909.
  • Jules Greenbaum . In: Film-Kurier, Nr. 261, 4.11.1924.
  • Jules Greenbaum . In: Der Film, Nr. 45, 11.1924.
  • Ein Pionier des Films. In: Lichtbild-Bühne, Tagesdienst, Nr. 130, 6.11.1924.
  • Evelyn Hampicke, Karen Pehla: Film Art and Business in the First World War: Jules Greenbaum, the History of a Berlin Business Man. Amsterdam: International IAMHIST Conference 1993. (Vortrags-Paper).
  • Evelyn Hampicke: "Mehr als zehn Zeilen" über Jules Greenbaum. Ein Beitrag gegen das Vergessen in der Filmgeschichtsschreibung. In: Michael Schaudig (Hg.): Positionen deutscher Filmgeschichte. München: Diskurs Film Verlag Schaudig & Ledig 1996 (diskurs film 8), S. 23-36.