Triviale Tropen
Materialien zum 9. Internationalen Filmhistorischen Kongreß, Hamburg, 1996
Zeitgenössische Pressestimmen

Erfahrungen mit Kinogerät in Zentralasien

Colin Ross

in: Film-Kurier, Nr. 72, 26.3.1923


Will man bei einer exotischen Filmexpedition sicher gehen, ist erste Anforderung an das Kinogerät, daß es in doppelter Ausführung vorhanden ist. Es ist eigentlich sicher, daß mindestens ein Apparat auf der Reise funktionsunfähig wird. Genug Filmexpeditionen scheiterten ja bereits in einem frühen Stadium daran, daß das Aufnahmegerät versagte, ehe man in die eigentlichen filmischen Jagdgründe kam.

Wenn ich mich trotzdem bei meiner letzten zentralasiatischen Reise mit einem Apparat begnügte, so hatte dies seinen besonderen Grund. Es handelte sich um keine Expedition, die eine vorherige sorgfältige Vorbereitung ermöglichte, sondern es war ein abenteuerlicher Vorstoß in bisher für Europäer aus politischen Gründen unzugängliche Gebiete. Es war schon Risiko genug, überhaupt den Versuch zu wagen, einen Apparat mitzunehmen. Da ich ganz allein reiste, mußte außerdem das Gepäck auf ein Minimum reduziert werden, weil die Leitung und Überwachung seines Transportes sonst für einen einzelnen zu kompliziert gewesen wäre.

Es konnte also nur ein Apparat mitgenommen werden, deshalb mußte es ein besonders stabiler und zuverlässiger sein. So bestechend es zunächst auch schien, sich eines so leichten und handlichen Apparates, wie es beispielsweise der »Debrie« ist, zu bedienen, so führte doch genauere Überlegung dazu, daß nur ein Apparat in Frage kommen könne, der nötigenfalls auch einen tüchtigen Puff und Sturz verträgt. Ich entschloß mich daher zur Mitnahme eines »Ertel-Filmers«. Ich möchte vorausschicken, daß die Anforderungen an die Stabilität eines Apparates bei derartigen Reisen nicht hoch genug sein können. Selbst bei der größten Sorgfalt kann man nicht verhindern, daß die Apparate von Leuten, die gewohnt sind, mit groben Lasten umzugehen, in der rücksichtslosesten Weise behandelt werden, und es ist auch nicht immer möglich, sie stets persönlich mit sich zu führen und im Auge zu haben.

Um zu zeigen, was ein Apparat aushalten muß, möchte ich anführen, was meinem Filmer unterwegs passierte. Das erste war, daß er mir bei einer Aufnahme in Baku von der mich umdrängenden Menschenmenge umgeworfen wurde, kaum daß ich einen Augenblick zur Seite getreten war, um die ihre Nase in das Objektiv steckenden Neugierigen zurückzuscheuchen. Das nächste war, daß er bei der Wagenfahrt durch Persien, als der Kutscher nach Passieren einer Furt im Galopp einen steilen Hang hinanjagte, vom Wagen stürzte und den ganzen Abhang bis zum Fluß hinunterkollerte. Einer meiner Reisegefährten hatte hinter meinem Rücken seinen schweren Koffer, um ihn zu sichern, an meinen wohlverstauten Apparat gebunden, und dieser hatte ihn dann im Fallen mit sich gerissen. Endlich stürzte uns beim Passieren der Gebirgspässe vor Mianeh der ganze Wagen einen Abhang hinunter. Trotz all dieser schweren Erschütterungen blieb der Apparat intakt und erlitt wenigstens keine schweren Schädigungen, als daß ich sie nicht unterwegs selbst behelfsmäßig wieder beseitigen konnte.

Selbstverständlich ist natürlich, daß ein guter Expeditionsapparat sehr hohen Temperaturen standhalten und daß er unbedingt staubsicher sein muß. Was ich auf persischen und türkischen Karawanenstraßen an Staub erlebte, war geradezu unglaublich. Im übrigen ist es ja in anderen exotischen Gegenden, beispielsweise in der patagonischen Pampa, kaum anders.

Ein besonderer und etwas heikler Punkt ist die Konstruktion des Bildfensters. Bei so hohen Temperaturen, wie ich sie im sommerlichen Turkestan erlebte im Schatten stieg das Thermometer auf über 40 Grad Reaumur , dehnt sich der Film, besonders wenn er sich längere Zeit in der Kassette befindet, unverhältnismäßig stark aus. Infolgedessen geht er stoßweise am Bildfenster vorbei, und der Film »atmet«.

Wichtig ist ferner, daß ein Expeditionsapparat so handlich und einfach wie möglich zu bedienen ist. Der ganze Erfolg bei Aufnahmen von Volksszenen im exotischen Ausland liegt darin, daß man blitzschnell arbeitet. Man muß die Aufnahme fertig haben, ehe die Leute merken, was los ist; denn andernfalls nehmen sie entweder eine neugierige oder eine abwehrende Haltung ein. Ganz besonders gilt dies natürlich von Aufnahmen mohamedanischer Frauen, die sofort davonlaufen, sobald sie merken, um was es sich handelt. Ich habe aus diesem Grunde oft auf eine scharfe Einstellung verzichtet, um nur überhaupt eine Aufnahme machen zu können.

Im allgemeinen hat mein Ertel-Filmer allen in ihn gesetzten Erwartungen entsprochen. Er hat nur einen Nachteil: Er ist reichlich schwer. Wenn es sich darum handelt, rasch wechselnde Szenen aufzunehmen oder sich an eine Gruppe heranzupirschen, muß man den Apparat auf dem Stativ kurbelfertig rasch selbst von einem Platz zum andern tragen können, und das ist, besonders unter persischer und turkestanischer Sonne, bei einem Filmer auf die Dauer keine Kleinigkeit. Ich werde daher auf meine nächste Reise die wesentlich leichtere und handlichere Filmette mitnehmen. Daß deren Kassetten lediglich 60 Meter fassen, ist kein Nachteil, da nach meinen Erfahrungen Szenen von mehr als 10 bis 20 Metern überhaupt kaum vorkommen.


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