Transatlantische Verleih- und Produktionsstrategien eines Hollywood-Studios in den 20er und 30er Jahren
Materialien zum 13. Internationalen Filmhistorischen Kongreß, Hamburg, 
16. - 18. November 2000.

Biografisches


Der Casting-Direktor.
Amerika sucht neue Gesichter - 
in Deutschland.


Unser H.W.-Korrespondent berichtet aus Hollywood:
Die Jagd auf neue Gesichter... ist das Ziel einer Europareise Paul Kohners, eines der markantesten und vielversprechendsten Erscheinungen unter den jungen leitenden Köpfen der amerikanischen Filmindustrie. Paul Kohner, der vor fünf Jahren als kaum Achtzehnjähriger von Carl Laemmle nach Amerika gebracht wurde, nimmt heute einen der wichtigsten Posten in Universal City ein: "casting director".
Man kann sich in Deutschland von der Wichtigkeit und Verantwortung einer derartigen Stelle schwer einen richtigen Begriff machen, da in Europa die Besetzung des Filmes individuell von jedem einzelnen Regisseur respektive dessen Assistenten übernommen wird.
In Hollywood erfolgt die Rollenverteilung durch ein Zentralbureau, dessen Leiter ("casting director") auf Grund einer Manuskriptkonferenz mit dem Regisseur die Garantie übernimmt, daß vom letzten Statisten bis zum ersten Star jede Figur der Vorstellung des Autors beziehungsweise Regisseurs entspricht. Da es sich in der Saison um durchschnittlich sechzig Filme handelt und naturgemäß der Erfolg jedes einzelnen Filmes zum nicht geringen Teil auch von der richtigen Besetzung abhängt, so kann man sich ungefähr vorstellen, mit welcher Vorsicht dieser Posten besetzt wird. Daher erregte die Ernennung des jungen Kohners im vorigen Jahre eine allgemeine Sensation in der Filmkolonie, denn, wenn auch in Amerika blutjunge Direktoren durchaus keine Seltenheit bedeuten, und zum Beispiel Irving Thalberg, der 24jährige geniale Produktionsleiter der Metro-Goldwyn - was sein jugendliches Alter anbetrifft - eine Durchschnittserscheinung darstellt, war es doch eine Art Tradition, daß der Posten des "casting directors" nur mit bejahrten, alterfahrenen Praktikern besetzt wurde.
Dieses außerordentliche Vertrauen des Präsidenten der Universal in den 22jährigen lenkte die Aufmerksamkeit der amerikanischen Fachwelt auf Paul Kohner, der sich nach Überwindung von tausend Schwierigkeiten, die dem ehrgeizigen Österreicher auf Schritt und Tritt bereitet wurden, vom "office-boy" zum persönlichen Repräsentanten Mr. Laemmles emporgearbeitet hat. In dieser Eigenschaft als "personal representative" bereiste Kohner Amerika nach allen Windrichtungen, besuchte alle Kinobesitzer, beobachtete die verschiedenen Publikumsschichten und lernte den Geschmack der Masse an der Quelle kennen. - Typisch für Kohners Schlagfertigkeit ist eine Anekdote aus dieser Reise-Epoche, ein Vorfall, den ich anläßlich einer Studienfahrt für den "Film-Kurier" miterlebt habe.
Kohner besucht in einem kalifornischen Nest einen jener wichtigen Kino-"Palast"-Besitzer, die als Universalgenies den Direktor, Kassierer, Billetteur, Vorführer und womöglich auch Kapellmeister in sich vereinigen, stets über die Unzulänglichkeit der Produktion klagen und selbst mit den größten Monumentalwerken nicht zufrieden sind. Wir trafen besagten Herrn eben bei einer wichtigen Beschäftigung an und er empfing uns daher nicht besonders aufmunternd, als er sich in der Fußbodenreinigung seines Kinos gestört sah. Als Kohner ihm versicherte, daß er ihm nichts verkaufen wolle, sondern nur die Grüße Mr. Laemmles überbringe und in dessen Namen nach seinen Wünschen frage, wurde der Kinobesitzer zutraulicher und begann sein Leid zu klagen. Selbstverständlich waren die Filme viel zu teuer, und was der Hauptfehler an ihnen war, sie trafen nicht den Geschmack seines Publikums. Verzeifelnder Miene lamentierte er, warum die Fabrikanten immer das fabrizierten, was dem Publikum nicht gefiele ... Nun war ich gespannt, wie Kohner sich aus dieser Situation ziehen werde. - Und richtig, mitten in das Lamento fiel Kohner dem unzufriedenen ins Wort. Ob er eine Frage stellen dürfe und auf Antwort rechnen könne? Unser Kinobesitzer sagte selbstverständlich zu, denn er konnte sich nicht vorstellen, daß es etwas gäbe, das er nicht beantworten könnte. Gespannt erwartete ich Kohners Frage.
"Stellen Sie sich, lieber Herr Kinobesitzer, vor, Sie wären jetzt Mr. Carl Laemmle, der Präsident der Universal, - können Sie das?"
"Selbstverständlich, na und weiter ...?" war die selbstbewußte Antwort.
"... na und ... Sie sollen jetzt bestimmen, welche 60 Filme für die nächste Saison hergestellt werden sollen. Bitte sagen Sie mir, was für Filme würden Sie machen?" -
Erst ein geschmeicheltes Lächeln, dann ein verdutztes Dreinschauen und schließlich ein verlegenes Kratzen hinterm Ohr. Kohner springt hilfsbereit ein und rettet den überrumpelten Kinobesitzer aus der Verlegenheit.
"Selbstverständlich brauchen Sie etwas Zeit zum Überlegen. Wann darf ich mir die Antwort holen?"
"In zehn Minuten," war die prompte Antwort des Kinobesitzers, der sich von der Überraschung wieder erholt hatte.
Wir gingen in das Freie hinaus und ließen den guten Mann in Gedanken versunken zurück. Der halbdunkle Raum war so richtig dazu angetan, die Denkungskraft dieses Reformators zu konzentrieren.
War es Großzügigkeit Paul Kohners oder ging seine Uhr zu langsam, jedenfalls waren es dreißig Minuten, als wir in das Theater zurückkamen und den Denker immer noch mit Entschlüssen kämpfend vorfanden. - Kohner hatte Erbarmen mit der Hilflosigkeit des plötzlich so wortkarg gewordenen Filmverbesserers und verzichtete auf sofortige Antwort. Er werde bei der Rückreise am nächsten Tage vorbeikommen und sich die Antwort holen. -
Und als er am nächsten Tage vorsprach, kapitulierte der Kinobesitzer und gab zu, daß es doch nicht so leicht wäre, Filme zu machen, wie er sich das vorgestellt habe. Nichtsdestoweniger ermunterte Kohner den Kinobesitzer, alle seine Vorschläge Mr. Laemmle einzuschicken, da Mr. Laemmle die Beratung und inspirierende Mitarbeit selbst des kleinsten "exhibitors" zu schätzen wisse. Kohner erreichte durch diesen diplomatischen Schachzug, wie er richtig berechnet hatte, daß der Kinobesitzer das ganze Universal-Programm für sein Theater mietete, da er der festen Meinung war, an dieser Produktion mitgearbeitet zu haben. -
Ich habe dieses Erlebnis so ausführlich geschildert, weil es ein typisches Bild von derselben Mentalität des Kinobesitzers in Amerika wie in Deutschland gibt und zu gleicher Zeit ein charakteristisches Licht auf die Fähigkeiten Paul Kohners wirft. -
Kohner verdient die Aufmerksamkeit und Unterstützung der deutschen Fachpresse, da er einer der eifrigsten Verfechter des europäischen Geistes im amerikanischen Produktionszentrum ist. Allen Hindernissen zum Trotz ebnet er deutscher Literatur und Kunst die Wege zum amerikanischen Filmproduzenten.
Aus dieser Auffassung hinaus unternimmt er im Laufe der Sommermonate eine Reise durch Europa, um für die Universal neue darstellerische Talente zu finden. Sein erster Weg wird selbstverständlich nach Berlin sein, wo er mit Sicherheit auf neue Entdeckungen rechnet. Kohner hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit als "casting director" bereits eine Reihe junger Talente entdeckt, auf die große Erwartungen gesetzt werden. Und ihm ist es zu verdanken, das die Universal heute den Ruf eines Reservoirs vielversprechenden Film-Nachwuchses besitzt.

Film-Kurier, Nr. 108, 10.5.1926


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